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In vielen Fällen verlaufen rheumatische Erkrankungen, insbesondere solche, die entzündlich sind, aber chronisch. Sind diese Erkrankungen einmal aufgetreten, dann bleiben sie bis ans Lebensende bestehen. Dabei können sie mal mehr und mal weniger ausgeprägt vorhanden sein. Chronische rheumatische Krankheiten müssen lebenslang behandelt werden. Durch die Behandlung kann man einerseits Symptome der Krankheiten lindern oder völlig beseitigen, andererseits kann man ein mögliches Fortschreiten der Krankheiten (z.B. zunehmende Gelenkschäden bei Polyarthritis) durch die Therapie aufhalten. Treten durch die Erkrankung dennoch z.B. Bewegungseinschränkungen auf, dann ist es erklärtes Ziel der Behandlung, diese möglichst wieder zu beseitigen oder zumindest zu bessern.
Rheumatische Erkrankungen betreffen oft verschiedene Aspekte des Lebens. Neben den krankheitsbedingten Beschwerden wie Schmerz oder Bewegungseinschränkung leiden die Betroffenen oft auch unter mittelbaren Folgen, z.B. seelische Belastungen, Probleme in der Familie oder am Arbeitsplatz. Die Behandlung rheumatischer Erkrankungen ist deshalb als ganzheitliche Therapie angelegt, die neben der medikamentösen Behandlung auch die anderen Aspekte der Krankheit berücksichtigt.
Folgende Therapieverfahren kommen zur Anwendung:
Nicht jeder Patient braucht alle diese Therapiemöglichkeiten. Ihr Einsatz richtet sich nach Schwere und Ausprägung der Krankheit sowie der individuellen Lebenssituation. Sie werden vom Arzt koordiniert und dem Verlauf der Erkrankung angepasst.
Deswegen arbeitet der behandelnde Hausarzt oft mit Fachärzten (Rheumatologen), Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Masseuren, Psychologen und anderen Therapeuten zusammen.
Viele Menschen haben eine nicht unberechtigte Scheu vor der Behandlung mit Medikamenten. Sie fürchten mögliche Nebenwirkungen und möchten am liebsten auf alle "Chemie" verzichten. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass Medikamente oft ein Segen sind, z.B. wenn jemand starke Schmerzen hat.
Wie bei anderen Krankheiten auch setzt man bei rheumatischen Krankheiten Medikamente nur dann ein, wenn vorher eine Abwägung von Nutzen und Risiko erfolgt ist. Kann man z.B. durch ein Medikament eine lebensbedrohliche Erkrankung abwenden oder verhindern, dass es zu einer zunehmenden Behinderung kommt, dann wiegt dieser Nutzen das mögliche Risiko von Nebenwirkungen weit auf. Andererseits darf man die Gefahr von Nebenwirkungen nicht verharmlosen. Werden Medikamente über längere Zeit eingenommen, wie dies bei rheumatischen Erkrankungen häufiger der Fall ist, dann sollte dies nur unter ärztlicher Kontrolle erfolgen. Dadurch werden mögliche Nebenwirkungen meist so früh erfasst, dass dadurch kaum ein Schaden auftritt. Als Patient kann man selber zur Sicherheit der Behandlung beitragen, indem man sich selber über die Wirkung und mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten informiert. Diese Kenntnisse, wie sie z.B. von der Deutschen Rheuma-Liga oder durch Patientenschulungen in Rheuma-Kliniken vermittelt werden, helfen den Betroffenen, mögliche Nebenwirkungen selber frühzeitig zu erkennen und dem Arzt mitzuteilen.
Medikamente werden bei der Behandlung rheumatischer Krankheiten aus verschiedenen Gründen (Indikationen) gegeben:
Hauptsymptom vieler rheumatischer Erkrankungen sind Schmerzen. Ein wichtiger Bestandteil der medikamentösen Behandlung ist daher oft die Schmerztherapie. Dabei kommen häufig Medikamente zum Einsatz, die den Schmerz am Ort der Entstehung bekämpfen und dabei oft auch entzündungshemmend wirken (sog. cortisonfreie Antirheumatika = NSAR: Nicht-Steroidale-Anti-Rheumatika). Bekannte Präparate sind z.B. Ibuprofen®, Voltaren®, Paracetamol®. Man nennt diese Schmerzmittel wegen des Ortes ihrer Wirkung auch "periphere Analgetika" ("an" = nicht, kein; "algos" = Schmerz, ). In Kombination mit diesen oder alleine gibt man manchmal auch sogenannte zentrale Analgetika. Dies sind Schmerzmittel, die vorwiegend nicht am Ort der Schmerzentstehung wirken, sondern dort, wo der Schmerz empfunden wird, nämlich im Gehirn. Zu dieser Gruppe gehören auch einige sehr stark wirksame Schmerzmittel. Man setzt sie deshalb oft erst dann ein, wenn andere Schmerzmittel versagen.
Bei Schmerzen, die von verspannter Muskulatur ausgehen, gibt man manchmal auch Medikamente, die zu einer Muskelentspannung führen, z.B. Mydocalm®.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass manche Schmerzen auch gut auf die zusätzliche Behandlung mit Medikamenten ansprechen, die sonst auch zur Therapie von Depressionen genutzt werden, z.B. Saroten® oder Stangyl®. Diese Medikamente werden dann aber nicht wegen Depressionen, sondern als Schmerzmittel verordnet (es handelt sich also nicht um die Behandlung eines "eingebildeten" Schmerzes).
Eine Schmerztherapie kann im Prinzip durch jeden Arzt erfolgen. Bei hartnäckigen oder schwierigen Fällen kann es aber auch sinnvoll sein, einen speziell ausgebildeten Schmerztherapeuten um Rat zu fragen.
Bei der chronischen Polyarthritis und anderen chronischen rheumatischen Entzündungen (v.a. Kollagenosen, Vaskulitis) reicht eine Schmerzbehandlung alleine oft nicht aus. Bei diesen Erkrankungen drohen Entzündungen von Gelenken oder inneren Organen bleibende Schäden zu hinterlassen. Da eine ursächliche Behandlung nicht möglich ist, bedürfen diese Krankheiten oft einer über Jahre notwendigen Behandlung mit Medikamenten, die die Entzündung unterdrücken. Man nennt diese Medikamente "Basistherapie", manchmal auch "krankheits-modifizierende Therapie" (engl: disease modifying drugs). Diese Medikamente müssen oft über lange Zeit eingenommen werden. Die Wirkung tritt oft erst nach einer Behandlung von 4-8 Wochen ein. Werden die Medikamente wieder abgesetzt, dann kommt es oft auch wieder zu einer Zunahme der rheumatischen Entzündung.Ziel der Behandlung ist, durch eine effektive Unterdrückung des entzündlichen Prozesses, Störungen betroffener Gelenke (oder Organe) zu vermeiden. Bekannte und häufiger eingesetzte Basistherapeutika sind Methotrexat®, Azulfidine®, Quensyl®, Imurek®, und Arava®.
Zu den entzündungshemmenden Medikamenten gehört auch Cortison. Ein Vorteil von Cortison ist seine schnelle und sichere Wirkung, die innerhalb eines Tages eintritt. Bei manchen schwer oder bedrohlich verlaufenden Krankheiten gibt es daher keine Alternative zu diesem Medikament. Nachteilig sind zahlreiche Nebenwirkungen (z.B. Osteoporose, Gewichtszunahme), die nach längerer und hochdosierter Cortisongabe häufig auftreten. Mehr noch wie bei anderen Medikamenten muss deshalb bei einer Cortisontherapie Nutzen und Risiko gut abgewägt werden.
Aus gut verständlichen Gründen suchen viele Betroffene nach natürlichen und nebenwirkungsarmen Alternativen, wenn ihnen eine Behandlung mit Medikamenten empfohlen wird. Damit ist oft auch die ursprüngliche Hoffnung verbunden, durch "natürliche" Verfahren wirkliche Heilung zu erreichen. Viele Menschen wünschen sich auch eine ganzheitliche Behandlung, die neben den körperlichen Aspekten ihrer Krankheit auch die seelischen und geistigen Anteile berücksichtigt.
Tatsächlich gründen sich viele der sogenannten "alternativen" Therapien auf ein ganzheitliches Konzept, das körperliche, seelische und geistige Seiten von Gesundheit und Krankheit berücksichtigt. Hervorragende Beispiele dafür sind die traditionelle chinesische Medizin, Ayurveda oder tibetische Medizin.
Der Ansatz, Gesundheit und Krankheit ganzheitlich, also nicht nur als körperliche Phänomene zu begreifen, macht sicher eine der grossen Stärken traditioneller medizinischer Systeme und auch mancher sogenannter alternativer Medizin aus. Dies sollte aber nicht dazu verleiten, die offensichtlichen Leistungen der naturwissenschaftlich begründeten heutigen Medizin zu verachten. Diese hat gerade auch bei der Behandlung rheumatischer Erkrankungen grosse Erfolge zu verbuchen.
Neben Offenheit ist in jedem Fall immer auch eine kritische und nüchterne Haltung erforderlich. Vorsichtig sollte man immer dann sein, wenn hohe Erwartungen an mögliche Erfolge (z.B. vollständige Heilung) geweckt werden, vor allem dann, wenn dafür hohe Preise verlangt werden. Eine "alternativer" Therapeut sollte sich immer dadurch auszeichnen, dass er seine Grenzen kennt, seinen Patienten die Möglichkeiten der sogenannten "Schulmedizin" nicht vorenthält, und seine Behandlung nicht als "Alternativ-Medizin", sondern als ergänzende "Komplementär-Medizin" versteht.
Wer komplementärmedizinische Verfahren erproben und anwenden will, sollte dies nach Möglichkeit mit seinem Arzt absprechen. Dies gilt vor allem dann, wenn geplant ist, Medikamente abzusetzen oder zu ändern.
Schmerzen am Bewegungsapparat, wie sie z.B. bei einer Polyarthritis oder weichteilrheumatischen Beschwerden auftreten, führen in vielen Fällen zu Störungen von Beweglichkeit, Muskelkraft oder Haltung. Umgekehrt kann z.B. eine schlechte Haltung Ursache von Schmerzen (Rückenschmerzen) sein.
Aus den genannten Zusammenhängen ergeben sich für die krankengymnastische Behandlung verschiedene Ziele, unter anderem:
Krankengymnastik erfolgt als Einzeltherapie, Gruppentherapie oder auch als Behandlung im Bewegungsbad. Der Vorteil der Behandlung im Bewegungsbad ist, dass man sich dort fast schwerelos bewegen und damit betroffene Gelenke schonen kann.
Viele, vor allem vorbeugende krankengymnastische Übungen, können von betroffenen Patienten nach entsprechender Anleitung auch selber zu Hause durchgeführt werden (sog. Hausübungsprogramm).
Zur Krankengymnastik gehören auch spezielle Behandlungstechniken wie manuelle Therapie, Osteopathie, propriozeptive neuromuskuläre Faszilitation (PNF) oder Bobath-Technik. Diese erfordern vom Krankengymnasten eine spezielle Ausbildung und werden daher nicht überall angeboten.
Zur Physikalischen Therapie werden verschiedene Behandlungsmöglichkeiten gezählt:
Die physikalische Therapie dient oft der Vorbereitung und Unterstützung einer Krankengymnastik, indem Schmerzen gelindert oder verspannte Muskeln gelockert werden. Sie lindert auch Entzündungen und kann zur Durchblutungsverbesserung eingesetzt werden.
Ziel der Ergotherapie ist die Förderung der Selbständigkeit in allen persönlichen, sozialen und beruflichen Bereichen. Sie dient der Wiederherstellung, Verbesserung und Kompensation kranheitsbedingter Störungen und eingeschränkter Funktionen oder Fähigkeiten. Dazu bedient sich der Ergotherapeut verschiedener Techniken, unter anderem:
Eine rheumatische Erkrankung stellt für die Betroffenen häufig eine hohe seelische Belastung dar. Dazu tragen verschiedene Umstände bei:
So wie eine rheumatische Erkrankung Ursache seelischer Belastungen sein kann, können seelische Belastungen ihrerseits für das Auftreten und den Verlauf rheumatischer Krankheiten bedeutsam sein:
Man muss in diesem Zusammenhang auch darauf hinweisen, dass es den "eingebildeten Schmerz" nicht gibt. Unabhängig von körperlichen und seelischen Ursachen sind Schmerzen für die Betroffenen immer sehr real und nicht im geringsten "eingebildet".
Psychologische Beratung und Behandlung bei rheumatischen Erkrankungen umfasst verschiedene Aspekte:
Soziale Hilfen können bei rheumatischen Erkrankungen aus verschiedenen Gründen erforderlich werden, z.B.
Hierzu geben neben den Sozialdiensten von Krankenhäusern auch andere Institutionen Auskunft, z.B. Krankenkassen, Rentenversicherungsträger, Versorgungsämter, Sozialämter, kirchliche und staatliche Einrichtungen (z.B. Caritas, Diakonie, AWO), Arbeitsämter, Gesundheitsämter, Berufsgenossenschaft und die örtliche Rheuma-Liga-Arbeitsgemeinschaft.
Punktionen und Gelenkoperationen dienen der Behandlung einzelner Gelenke. Bei entzündlichen Gelenkerkrankungen (Polyarthritis) ersetzen sie nicht die Behandlung mit Medikamenten, sondern ergänzen sie.
Als Betroffener oder Angehöriger von chronisch Kranken profitiert man von Selbsthilfegruppen auf vielfache Weise.
| Die Erkenntnisse der Medizin unterliegen einem ständigen Wandel durch Forschung und klinische Erfahrung. Bei der Erstellung dieser Information wurde große Sorgfalt darauf verwendet, dass die gemachten Aussagen dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Sie sollen das Verständnis für rheumatische Erkrankungen erleichtern, können eine Aufklärung durch den Arzt aber nicht ersetzen. |